Brrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrpf!

Seit einer ganzen Weile haben wir uns hier nicht mehr gemeldet. Das liegt daran, dass wir wahnsinnig viel zu tun haben. Als neue Arbeitgeber unserer Mutter sehen wir uns in der Verpflichtung, Mama immer wieder vor neue Herausforderungen zu stellen, um ihre nachhaltige Belastbarkeit zu testen.

Mittlerweile sind wir 7 Monate alt und haben ein ausgeklügeltes System entwickelt, um Mama immer schön auf Trab zu halten. Immerhin hat sie vor unserer Zeit sehr viel gearbeitet, da wäre so ein entspannter Lullifutz-Mutterjob geradezu ein Affront.

Wir essen mittags am liebsten Kürbisbrei mit Kartoffeln, alternativ auch Gemüseallerlei oder irgendwas mit Karotten. Orange muss es sein. Abends bestehen wir darauf, dass Pflaume im Brei ist, auch eine sehr schöne, bleibende Farbe.

Für alle Leser, die jünger sind als wir: lasst euch strahlend in eure Wippen setzen, lasst euch dann die albernen Ganzkörperlätzchen mit einem verächtlichen Blick anziehen, wartet bis dass Mama mittig vor euch sitzt und gerade der Meinung ist, dass sie alles prima im Griff hat und dann – niesen!!! Natürlich zeitgleich und möglichst mehrfach, ihr Amateure, sonst kann sie sich an guten Tagen noch rechtzeitig wegducken. Alternativ könnt ihr natürlich auch husten oder Mama mit einem herzlichen Brrrrrrrrrrrrrpf von euren letzten Abenteuern berichten. Wichtig ist, dass ihr unmittelbar danach ganz unschuldig guckt und fröhlich gluckst, während Mama wieder reichlich nicht kindgerechte Kraftausdrücke in sich hineingrummelt und erst euch, dann die Küchenschränke und den Fußboden und schließlich sich selbst säubert. Die Fortgeschrittenen unter euch schaffen das gleich mehrmals hintereinander. Aus Gründen der Höflichkeit solltet ihr euch aber erst dann kaputtlachen, wenn Mama euch zum Mittagsschlaf ins Bett gelegt und das Kinderzimmer verlassen hat.

Die elegante Drehung auf den Bauch beherrschen wir mühelos. Wenn wir zurück auf den Rücken wollen, genügt ein klägliches “Mamamamamaaaaaaaaaaaaaaa”. Blöderweise hat sie uns letztens dabei erwischt, wie wir uns alleine zurück auf den Rücken gedreht haben, der Trick wird also wohl nicht mehr lange funktionieren.

Nächtliche Eskapaden gibt es mittlerweile so gut wie gar nicht mehr. Wir haben uns ja lange Zeit die Nachtschicht geteilt und waren immer sehr beeindruckt, wie schnell ein schlaftrunkener Erwachsener es schafft, aus seinen warmen Bett in unser Zimmer zu torkeln. Mama war dann irgendwann so müde, dass sie tagsüber im Sitzen eingeschlafen ist. Wir haben uns daraufhin lange beraten und beschlossen, dass wir sie nachts erstmal in Ruhe lassen, weil wir Mama nicht jetzt schon kaputtspielen wollen. Sie bildet sich natürlich ein, dass es an ihren Einschlafritualen liegt…

Dadurch, dass Mama nachts wieder schlafen darf, kann sie uns viel besser den ganzen Tag durch die Gegend fahren, tragen oder schieben. Sie vergisst nur noch die Hälfte und gähnt beim Singen nicht mehr so oft. Nur die Liedtexte sind weiterhin ziemlich fragwürdig, weil sie die Lieder umtextet und meint, dass wir das noch nicht merken.

Seitdem wir zahnen, bekommen wir Zwieback. Und da der Babyzwieback lächerlich klein ist, bekommen wir den großen aus Papas Packung. Kürzlich hat Mama versehentlich einen angesabberten Zwieback in die Packung zurückgetan, daraufhin hat Papa uns die ganze Packung vermacht. Das müssen wir uns unbedingt merken, vielleicht funktioniert das später auch bei Burgern, Pommes, Schokolade, Eis und leckeren Getränken.

Und sonst?

Wir bekommen Haare (eigentlich nur, damit Mama uns nicht mehr Kojak Sisters nennt), wir unterhalten uns gerne – mit Mama und Papa, miteinander, mit Stofftieren, Lampen und Stühlen. Wir robben durch das Wohnzimmer wie ein Soldat unter Stacheldaht in einer Schlammlandschaft. Wir wachsen wie Schaum und werden immer mobiler und eigenständiger. Wir fassen alles an und nehmen alles in den Mund, vorzugsweise diese kleinen schwarzen Dinger, auf denen Mama und Papa so gerne rumtippen. Wir schleudern unser Spielzeug gerne quer durch das Zimmer und klauen uns gegenseitig unsere Schnuller, um dann ganz harmlos zu tun, wenn Mama sich wundert, wieso denn nun schon wieder gebrüllt wird.

Aber am allerliebsten liegen wir einfach nebeneinander und strahlen uns gegenseitig an.

Ebene 0

Es gehört schon einiges dazu, Mama vom Einkaufen abzuhalten. Hagelstürme, Fieber, Blasen an den Füßen – echte Leidenschaft ist nicht zu bremsen.

Aber jetzt ist sie ja neuerdings mit uns und berädert unterwegs. Gemütlich liegen wir nebeneinander in einem Kinderwagen, neben dem ein Passat Kombi fast schon possierlich wirkt, und begucken uns die Welt. Oder zumindest deren Himmel. Unser Gefährt ist 80 Zentimeter breit und passt damit durch jede normale Zimmertüre. Das Gesamtgewicht unseres Gefährts beträgt derzeit rund 25 Kilo, Tendenz steigend, da wir Papa sehr zielstrebig die Haare vom Kopf… Aber das ist eine andere Geschichte.

Wir sind also eigentlich ein Schwersperrgutlastendingsbumstransporter, der widerrechtlich auf einem Bürgersteig unterwegs ist. Einvernehmlich zuckeln wir in der Frühlingssonne mit Rollstuhlfahrern, Kleinkindern auf Dreirädern und rollatorbewehrten Menschen vor uns hin.

Der erste Buchladen kommt in Sicht. Leider ist die Stufe so hoch, dass Mama einfach weitergeht. Da wird schon noch ein besserer Laden kommen, andere Läden haben auch schöne Grußkarten. Wir finden das schwach, im Wortsinne. Aber gut. Eine große Kaffeerösterei bietet bunte Unsinnigkeiten an, von denen man erst dann weiß, dass man sie unbedingt braucht, wenn man sie gesehen hat. Wieder eine Stufe. Wenige Meter weiter ein Bäcker. Der Kaffee dort schmeckt extrem gut, und man kann ihn praktischerweise mitnehmen. Sagten wir schon Stufe? Hinter der Lenkstange  ertönt ein erstes genervtes Schnauben.

Da! Wieder ein Buchladen. Stufe. Und: ein Eingang, der so eng ist, dass wir mindestens 3 Kartenständer über den Haufen fahren müssten, wollten wir versuchen, uns einen Weg zu bahnen.

Unsere Mutter murmelt Worte vor sich hin, von denen sie glaubt, dass wir sie noch nicht verstehen. Wir werden das eines Tages gegen sie verwenden, wenn wir zum ersten Mal in unserem Leben jemanden als “Eierloch” bezeichnen werden, sagen aber nichts. So passieren wir Reisebüros, Boutiquen, Nagelstudios und Blumenläden, die architektonisch ausnahmslos in Ungnade fallen. Als ein Kaufhaus in Sicht kommt, lächelt Mama zum ersten Mal zaghaft. Problemlos gleiten wir durch weit geöffnete Glastüren. Mama entdeckt die Schreibwarenabteilung und ist erleichtert. Mittlerweile ist es ihr vollkommen egal, wie bescheuert die blöde Karte aussieht, Hauptsache Karte.

Elegant absolviert Mama den Slalom-Parcours, macht einen Umweg über die angrenzende Dessous-Abteilung, vorbei an den Lederwaren, dann scharf rechts mitten durch die Parfümerie. Die Punkterichter sind hellauf begeistert, aber dann schwächelt Mama auf den letzten Metern und reißt mit Getöse mehrere unmotiviert aufeinander gestapelte Warendisplays zu Boden. Langweiligerweise sind die Displays leer, aber nun haben uns auch die letzten drei Menschen bemerkt, die nicht ohnehin schon die ganze Zeit vollkommen fasziniert auf den riesigen Kinderwagen gestarrt hatten.

Mama guckt jetzt ziemlich grimmig, und das sich nähernde Verkaufspersonal trifft klugerweise die Entscheidung, die Displays schweigend wieder aufzubauen – etwas später wird Mama bemerken, dass diese Displays wieder genau an der gleichen Stelle stehen, so dass sie auf dem Rückweg erneut… Aber wir schweifen ab. An der Kasse macht sich dann ansatzweise so etwas wie gute Stimmung breit. Keiner versucht uns zu begrabbeln, die Verkäuferin ist nett, wir gucken kugeläugig in die Luft, und Mama reagiert mit einem spontanen Höhenflug.

Aufzug will sie mit uns fahren. Telepathisch versuchen wir sie daran zu erinnern, dass wir schon im Krankenhaus immer den Lastenaufzug nehmen mussten, aber Mama reagiert nicht. Als sich die Aufzugstüren öffnen, wird schnell klar, dass wir wohl niemals erfahren werden, was wir  im Obergeschoss des Kaufhauses vorgefunden hätten. Hinter uns stürzt sich eine Handtasche in den Tod, gefolgt von mehreren Artgenossinnen.

Der Heimweg verläuft schweigend und zu Fuß. Dabei wären wir mit Mama doch so gerne noch U-Bahn gefahren.

Sind das Zwillinge?

Dass Zwillingseltern gute Nerven und viel Geduld brauchen, versteht sich eigentlich von selbst. Alles passiert doppelt und manchmal dummerweise auch noch zeitgleich. Wenn wir Hunger haben, ist es uns völlig egal, ob unsere Mutter nur zwei Arme hat. Auch explodierte Windeln fordern olfaktorisch unmissverständlich ihre unmittelbare Entsorgung. Und wieso unsere Mutter uns nicht zeitgleich auf sich herumliegen lassen oder stundenlang auf dem Arm durch die Gegend juckeln kann, ist etwas, worüber noch zu reden sein wird.

Das sind alles Dinge, auf die unsere Mutter sich monatelang in aller Seelenruhe mental vorbereiten konnte. Was sie aber vollkommen unterschätzt hat, ist die Welt um sie herum bzw. die Menschen, die diese Welt bevölkern. Und so haben wir immer wieder das Vergnügen, unserer Mutter dabei zuzuhören, wie sie unfreiwillig in ganz unterschiedliche Gespräche verwickelt wird, wenn sie mit uns unterwegs ist. Mittlerweile haben wir die Gesprächspartner in unterschiedliche Kategorien eingeteilt.

Die Arglosen

“Sind das Zwillinge?” .. “Nein, in der 2. Babywanne transportiere ich immer die Bierflaschen nach Hause.”

Eine sehr langweilige Kategorie. Das einzig Spaßige daran sind die Variationen bei der Antwort.

Die Beileidsbekunder

Hier wird es schon etwas interessanter. Von “Oh mein Gott, Sie Arme!!!” bis zu “Oh mein Gott, ich würde mich erschießen!” ist die Bandbreite recht groß. Nur Gott ist irgendwie immer mit dabei.

Beileid bekundet man ja eher bei schweren Unfällen, einem herben Verlust oder Todesfall. Die Tagesverfassung unserer Mutter kann man auch hier an den Antworten gut ablesen.

Die Gleichmacher und die Farbarmen

Empört: “Die sind ja gar nicht gleich angezogen!”

Und, nachdem der Fragende sich nach unserem Geschlecht erkundigt hat, ebenfalls empört: “Die sind ja gar nicht rosa!” An ganz schlimmen Tagen wird das noch von einem entsetzten “Aber die tragen ja was Blaues?!?” übertroffen, gerne mit sich leicht überschlagender Stimme zum Satzende hin.

Die Unverschämten

Die findet unsere Mutter mittlerweile richtig klasse. Sie ist geradezu niedergeschlagen, wenn ihr tagelang niemand aus dieser Kategorie begegnet. Die bisher besten Fragen/Kommentare:

01. “Sind die künstlich entstanden oder normal?”

02. “Na, gleich zwei für doppeltes Kindergeld?”

03. “Sind die klein!! Sind die behindert?!”

04. “Na, nicht dass Ihnen da der Mann wegläuft!”

05. “Och, nicht mal ein Pärchen?”

06. “Da haben Sie Ihren Mann ja um einmal Sex betrogen.”

07. Zwei Mädchen? Naja, vielleicht wird’s ja beim nächsten Mal ein Junge.”

Die Grabscher

Es gibt tatsächlich Menschen, die nicht nur ungefragt ihr schuppiges Haupthaar über unseren Köpfen baumeln lassen, sondern auch noch versuchen, uns anzufassen, eine Kopfbedeckung zurecht zu rücken oder uns in die Wange zu kneifen. Das sind die Momente, wo unsere Mutter fassungslos ist – aber erst, nachdem sie demjenigen beherzt auf die Finger gehauen hat.

Ausdrücklich ausgenommen von dieser Tirade sind die vielen netten Menschen, denen die hier geschilderten Dinge nicht im Traum einfallen würden. Sie finden hier keine weitere Erwähnung, weil sie dafür viel zu nett sind. Bitte nicht böse sein, aber es ist ja schließlich nicht unsere Schuld, wenn Sie gute Manieren haben!

Willkommen!

Unzählige Glückwünsche haben uns auch in der digitalen Welt anläßlich unserer Geburt erreicht. Mit dieser enormen Resonanz hätten wir niemals gerechnet und möchten uns daher noch einmal sehr herzlich bei allen Gratulanten bedanken. Auf Twitter bedanken wir uns auch explizit bei all denjenigen, die geduldig die lawinenartigen Mentions und Retweets über mehrere Tage hinweg ertragen haben.

Unsere Mutter hat nicht vor, ihr Blog in ein Baby-Blog zu verwandeln, sondern möchte dort wie gewohnt weiterschreiben. Deshalb bloggen wir ab sofort hier in unregelmäßigen Abständen über unser Leben, so dass sich jeder aussuchen kann, ob er Lust auf Baby-Content hat oder nicht. Lediglich der Hinweis auf neue Blogeinträge wird bei unserer Mutter als Tweet erscheinen, womit wir gleich eine häufig gestellte Frage beantworten möchten: Nein, wir werden bis auf Weiteres keinen eigenen Twitter-Account haben.

Wir freuen uns hier auf viele Besucher und Kommentatoren!

Herzlichst,

die Meerjungfrauen


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